Geben – Gedanken zum Jahreswechsel 2011-2012

Als vor ein paar Tagen tatsächlich der erste Schnee bis hierher ins Tal fiel, spürte ich seit langem wieder einmal, warum ich so gern in unseren Breiten lebe: Hier bei uns ist der Wechsel der Jahreszeiten noch spürbar, und wenn der Winter kommt, scheint mein Bedürfnis nach Ruhe, nach Zeit zum Nachdenken der Ruhe der Winterlandschaft zu korrespondieren. Die schlimmste Zeit des Jahres, der November mit seiner Kälte und Nässe, dem allgegenwärtigen Absterben dessen, was im vergangenen Jahr gewachsen ist, ist vorbei. In der Kälte des Winters kann die Natur sich – und können wir uns – zurückziehen und uns auf die Wiedergeburt des Lebens im neuen Jahr vorbereiten. Vielleicht war es mehr als nur ein im Kampf um die religiöse Deutungshoheit geschickter Schachzug der katholischen Kirche, im dritten und vierten Jahrhundert n. Chr. das Fest des Geburtstag Christi auf die Zeit unmittelbar nach der Wintersonnenwende zu legen. Damit wurde nicht nur der ›heidnische‹ Festtagskalender christlich uminterpretiert, ohne den neu gewonnenen Gläubigen allzu viel Veränderungen zuzumuten. Ob wir nun mit der Gleichsetzung der Wiedergeburt der Sonne und des Lebens mit Jesus Christus übereinstimmen oder nicht, ist vielleicht nicht so wichtig. Für mich persönlich habe ich vor zehn Jahren festgestellt, kommt es vor allem darauf an, dass nach der Zeit des Niedergangs auf dem Tiefpunkt des Jahres etwas Neues beginnt. Nach der längsten Nacht des Jahres am 21. oder 22. Dezember werden die Tage endlich wieder länger. Nach den einschlägigen Erfahrungen, die ich mit mir und meinen guten Vorsätzen gemacht habe, habe ich dergleichen auf nur ein Vorhaben reduziert: Mir um die Zeit der Wintersonnenwende ein wenig Zeit zu nehmen, um zur Besinnung zu kommen, das alte Jahr zu verabschieden und das neue zu begrüßen. Und erstaunlicherweise gelingt es mir jedes Jahr tatsächlich, dafür ein bisschen Zeit dafür zwischen Vorweihnachtstrubel und Jahresabschlüssen abzuzwacken. Vielleicht gelingt es einfach deshalb, weil meine innere Jahreszeitenuhr eben so tickt, und ich nichts weiter tun muss, als mich auf ihren Rhythmus einzustellen.

Dieses Jahr verspüre ich wenig Bedürfnis nach Rückschau. Die letzten zwölf Monate waren in jeder Hinsicht intensiv – vieles ist gelungen oder geglückt, was ich vorher kaum zu hoffen wagte, und gleichzeitig gab es eine Serie von Unfällen und Widernissen, die nicht gerade nach Wiederholung schreiben. Sei’s drum: das alte Jahr geht vorbei – lassen wir das Vergangene einfach vergangen sein, und wenden uns dem Neuen zu. Hat es einfach nur etwas mit dem Alter zu tun, dass ich dieses Mal mit anderen Gedanken und Gefühlen ins neue Jahr gehe, als bisher? Sonst machte sich meine freudige Erwartung in der Regel fest an den Vorstellungen von dem, was ich im nächsten Jahr alles erreichen und verwirklichen wollte. Zu dieser Wintersonnenwende ist es anders: Ich frage mich, was kann ich im neuen Jahr alles geben, und wem? So, dass es denen, die es entgegennehmen, wirklich zu Gute kommt?

Geben sei seliger als nehmen, heißt es in Lukas’ Apostelgeschichte. Vielleicht ist da wirklich etwas dran – auch ohne christlichen Hintergrund. Gleich, welchem (Un‑) Glauben ich anhängen mag, kann ich doch immer wieder spüren, wie viel Freude es mir macht, anderen Menschen etwas zu geben. Es ist eine direkte Freude, die nicht der Hoffnung auf eine dies‑ oder jenseitige Belohnung oder der Eindämmung meines schlechten Gewissens erwächst. Meine Freude entsteht vielmehr immer dann, wenn ich spüre, dass mein Gegenüber einen kleinen persönlichen Gewinn für sich und sein Leben erlangt durch das, was ich ihr oder ihm geben kann.

Deshalb empfinde ich meinen Beruf geradezu als Privileg. Ich kann nicht nur mit dem, was ich gut kann und was mir Spaß macht, einigermaßen komfortabel meinen Lebensunterhalt bestreiten, ich kann damit vor allem Menschen etwas geben, das ihnen und mir zugleich Freude bereitet. Das macht mich hier und jetzt immer wieder ein kleines bisschen selig. Was will ich eigentlich mehr?

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