Wachstum und Weltuntergang
Seit der Veröffentlichung des Club of Rome-Reports „Die Grenzen des Wachstums“ im Jahre 1972 bestimmt die der Menschheit, ja der ganzen Welt angeblich drohende Apokalypse die öffentliche Meinung in weiten Teilen der westlichen Welt. 1992 und 2004 legte der Club of Rome jeweils noch einmal nach. Die negativen Prognosen hatten sich bis dato noch nicht erfüllt – der Weltuntergang musste verschoben werden, zuletzt auf das Jahr 2100 (ungefähr).
Der Klimawandel und die große Finanzkrise von 2008 bis 2010 aktualisierten das Bewusstsein der Menschen von ihrem drohenden selbstverschuldeten Untergang. Seither haben nicht nur apokalyptische Szenarien, sondern auch Rufe nach Bescheidenheit und Wachstumsverzicht wieder Hochkonjunktur.
Der Kategorien-Fehler
Wachstumskritik hat eine lange Tradition in der Geschichte der menschlichen Zivilisationen – was jedoch ihre Untergangsprognosen bis heute nicht unbedingt zuverlässiger macht. Denn in aller Regel beruhen diese auf einem grundsätzlichen Kategorienfehler: Sie setzen Äpfel und Birnen dergestalt in ein Verhältnis, dass ein Mehr an Äpfeln zugleich zwangsläufig ein Mehr an Birnen produzieren muss.
Tatsächlich jedoch wird das Wirtschaftswachstum nicht primär an der Zunahme der Menge und der Masse von Wirtschaftsgütern berechnet, sondern an der Zunahme ihres Wertes: Das BIP eines Landes wird nicht an der Zahl der Autos, Stahlwerke oder geernteten Weizenkörner gemessen, sondern in Euro oder Dollar.
Der Ressourcen-Verbrauch, die angebliche Wurzel allen Übels, bezieht sich aber notwendigerweise auf reale physische Erscheinungen: Luft, Erdöl, Anteile der Erdoberfläche etc. »Cash burning« wird in diesem Zusammenhang nicht problematisiert.
Gesetzt den Fall also, dass der Verbrauch natürlicher Ressourcen das menschheitsbedrohende Problem darstellte, muss man zunächst einmal feststellen: Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Ressourcennutzung und Weltuntergang. Eine Zunahme der Wirtschaftsleistung bedeutet weder eine notwendige Zunahme der Masse der produzierten Güter und Dienstleistungen, noch eine notwendige Zunahme des Einsatzes physikalischer Ressourcen. Wirtschaftswachstum bedeutet »nur« eine Zunahme der Wertschöpfung.
Stellschrauben
Dies erkennend können wir wahrnehmen: Hier existiert eine Reihe von betriebs- und volkswirtschaftlichen Stellschrauben. Dabei ist es auf der betriebswirtschaftlichen Seite nicht primär eine Frage der Moral oder des Naturschutzes, ob man an einer dieser Stellschrauben drehen möchte.
Kostensenkung und Effizienz
Tatsächlich ist das schon im Sinne der Wertschöpfung in der Wirtschaft seit Urzeiten gang und gäbe. Die Motive heißen schlicht und einfach Effizienzsteigerung und Kostensenkung: Je teurer eine Ressource wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihr Einsatz wenn irgend möglich verringert wird. Alternativ dazu wird das Produkt verteuert. Dann tritt nach bestimmten Schwellenwerten ein volkswirtschaftlicher Effekt ein: Aus einem Massenprodukt wird ein Luxusprodukt, die Menge der produzierten Einheiten sinkt, der Ressourcenverbrauch sinkt. Selbst dann, wenn die Ressource nicht teurer wird, ist das wirtschaftliche Interesse groß, sie möglichst effizient einzusetzen. Denn Geld kostet sie immer.
Strukturwandel
Den gleichen Effekt – Schonung physikalischer Ressourcen – hat ein seit den 1970er Jahren höchst virulentes und langfristiges Phänomen: der wirtschaftliche Strukturwandel.
In einer klassischen, durch Schwerindustrie geprägten Industriegesellschaft besteht in der Tat eine hohe Korrelation zwischen Wertschöpfung und Ressourcen-Verbrauch. Stahlwerke kann man kaum miniaturisieren. Virtuelle Züge sind auch nicht gerade die Jahrhundert-Idee, wenn man real reisen will. Die produzierten Güter wie die eingesetzten Materialien sind ausschließlich physisch.
Der Anteil der Stahlproduktion und damit der Montan-Industrie ist in den hochentwickelten Industrieländern in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen – und er wird es mittel- bis langfristig auch weltweit tun. Wenn es in diesem Sektor noch Wachstumsmärkte gibt, dann nur in Schwellen- und Entwicklungsländern. Und auch dies wird nur so lange der Fall sein, bis deren Entwicklungsrückstand aufgeholt sein wird.
Wachstums!märkte
Wirkliche und das heißt auch mittel bis langfristige Wachstumsmärkte sind zwar auch ressourcen-intensiv – aber hier geht es nicht im die klassischen physikalischen Ressourcen, deren Nutzung apokalyptische Zukunftsszenarien rechtfertigen könnten.
Informations-, Nano-, Bio- und die sogenannten Umwelt-Technologien sind gewissermaßen per se »green tech«, weil bei ihnen die beiden Ressourcen Kapital und Kopf-Arbeit die entscheidenden Größen sind. Damit ändern sich die Verhältnisse so grundlegend, dass es unklug wäre, sein Vermögen auf einen Weltuntergang im Jahre 2100 zu wetten.
Wertschöpfung und damit Wirtschaftswachstum steigen in diesen Märkten stark disproportional zum Einsatz physikalischer Ressourcen-Masse. Im ITC-Sektor überwiegt sogar die Produktion nicht-physischer Güter die physischer Gegenstände. Auch diese Tendenz ist stark steigend.
Der Weltuntergang findet nicht statt
Vor diesen Hintergrund erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass ein kontinuierliches, robustes Wirtschaftswachstum den Weltuntergang provozieren, geschweige denn unvermeidbar verursachen könnte.
Wenn man sich gar erlaubte, mit einem gewissen Optimismus an die Zukunft zu denken, dann könnten einem Szenarien einfallen, in denen Nano-Roboter und Bio-Computer existieren, die vorwiegend oder gar ausschließlich durch erneuerbare Energien befeuert, lebens- und wirtschaftsnotwendige Ressourcen (re-) produzieren. Aber das ist hier und heute noch ein bisschen zu viel Zukunftsoptimismus, oder nicht?
