Seit 2000 kührt das World Economic Forum jedes Jahr eine handvoll junger Unternehmen zu sog. Technologie-Pionieren. In diesem Jahr 2010 konzentrierte sich die Auswahl auf die Branchen Biotechnologie und Gesundheit, Energie und Umwelt sowie Informationstechnologie und neue Medien. Das Ergebnis ist für die deutsche Wirtschaft niederschmetternd und führt einmal mehr drastisch vor Augen, was der Unterschied zwischen Technologieführerschaft und Innovationskraft ist.
Genau vier Prozent der in den Schlüsselmärkten der Zukunft aktiven, innovativsten Unternehmen der Welt kommen aus Deutschland. Wenn wir statt auf die Anteile auf die harten absoluten Zahlen schauen, können wir uns den weichzeichnenden Plural sparen: Es ist genau eins.
Durchaus, durchaus: Eine einzige Statistik erfasst nicht die ganze Welt, Statistiken sind immer mit Fehlern behaftet, oftmals sind schon die Anfangsbedingungen mit Blick auf das erwünschte Ergebnis „angefärbt” – und überhaupt – sind wir denn nicht Spitze in der Umwelttechnologie?
Außerdem, in Deutschland werden die besten Autos gebaut, und in der Investitionsgüter-Industrie sind wir doch in vielen Bereichen Weltmarktführer?
Heute heißt nicht morgen!
Die Auswahl des WEF bzw. seines Kommitees betrifft nicht die Technologie- oder gar Weltmarktführer von heute, sondern die Pioniere für die Märkte von Morgen. Und Morgen heißt hier nicht „irgendwann” und „vielleicht, aber vielleicht auch nicht” oder gar „mañana”.
Energie und Umwelttechnologie z. B. sind nicht eines fernen Tages wichtig, auf den man gelassen warten kann, bis man sich dem Thema widmet. Keine der drei genannten Bereiche sind Spielräume für Phantasten und Hallzinatoren, professionelle Verbrenner von Venture Capital. Aber auch das ist ja längst bekannt.
Umso drastischer fällt das Egebnis ins Auge. Es bestätigt, was wir eigentlich schon längst wissen: Die deutsche Industrie ist für die Schlüsselmärkte der Zukunft falsch aufgestellt. Das gilt gleichermaßen für Konsum- wie Investitionsgüter. Die deutsche Industrie müsse sich nicht neu erfinden, diese These geisterte noch im ersten Quartal des Jahres durch den Blätterwald. Sie verbreitete beifälliges Rascheln vor allem im Süden und Südwesten des Landes, wo die mittelständische Industrie mit ihren vielen Hidden Champions derzeit rekordverdächtige Auftragszuwächse meldet.
In unsere Freude darüber mischen sich allerdings Bedenken. Dass die Konjunktur nach den Rekordeinbrüchen wieder anzieht und damit der weltweite Investitionsstau abgearbeitet wird, ist auf mittlere bis lange Sicht angesichts eines gewissen Mangels an Weitsicht eine wirkliche Gefahr. Diese Gefahr hat einen Namen: Strukturkrise. Sie zu übersehen, ist eine üble deutsche Tradition.
Strategische Option: Strukturwandel „aussitzen”
Der große Strukturwandel der ökonomischen Weltverfassung ist Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts manifest geworden. Er hat bis heute an Dynamik nicht verloren, im Gegenteil. Damals haben sowohl Politik als auch Wirtschaft diesen Strukturwandel nicht erkannt, und noch heute kann man bezweifeln, dass er in seiner ganzen Tragweite und Komplexität begriffen ist. Das weit verbreitete Beharren auf von der ökonomischen Realität überholten Strategien und Konzepten, d. h. Markt- und Branchenausrichtungen, Geschäftsmodellen, und ein gering verbreitetes Innovationsmanagement scheinen dagegen zu sprechen.
Zukunft – und ökonomisches Handeln ist per se zukunftsgerichtet – besteht nicht aus der ewigen Extrapolation des Immergleichen ins zeitlich Unendliche. Daher sind die gegenwärtige Technologieführerschaft in manchen Sektoren und die Marktführerschaft in hochspezialisierten Nischen kein Garant für nachhaltiges Wachstum und akzeptable Margen, von Arbeitsplätzen, der Voraussetzung für die Kaufkraft des Binnenmarktes, ganz abgesehen. Technologie- und Marktführerschaft sind nicht Teil der Lösung, sondern werden Teil des Problems – zumindest so lange, wie sie einen falschen Traditionalismus der deutschen Wirtschaft fördern und eine innovative Ausrichtung auf Zukunftsmärkte verhindern. Zukunft läßt sich nicht „aussitzen”, nur gestalten.
Die trügerische Sicherheit des Erfolgs
Gerade erfolgreiche Unternehmen tun sich besonders schwer, Veränderungsnotwendigkeiten zu erkennen und Innovationen systematisch und erfolgreich auf die Märkte zu bringen. Der Fluch des Erfolgs ist das Denken und Entscheiden in überkommenen Schemata, die vielleicht heute noch Geltung beanspruchen können, aber schon morgen nicht mehr. Erfolge liegen ihrem Wesen nach immer in der Vergangenheit. Wenn wir uns auf sie fixieren, machen wir uns retrospektiv. Dann werden die Erfolge der Vergangenheit zu den Ursachen für die Misserfolge in der Zukunft.
So ist die Deutsche Industrie Weltmeister in der Perfektionierung des Bekannten geworden, gleichgültig, ob es sich um Premium-Automobile oder Waschbatterien handelt. Aber wir sind nicht mehr Weltmeister im Erfinden des Neuen – aus dem Land der Erfinder ist eines der Tüftler geworden. Das reicht nicht.
Infolge des globalen Strukturwandels verschieben sich die Anteile der Wachstumspotentiale zwischen den verschiedenen Märkten und Branchen dramatisch. All dies haben wir schon einmal erlebt. Und können aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, wenn wir den Strukturwandel entschlossen gestalten, statt uns in vermeintlich sichere Nischen zurückzuziehen.
Null Prozent bei Energie und Umwelttechnologie
Auf dem Sektor der Energie- und Umwelttechnologie gibt es in Deutschland kein Unternehmen, dass nach den Kriterien des WEF als Technologie-Pionier 2010 gelten könnte. Die Ausbeute der wirtschaftlichen und wirtschaftpolitischen Aktivitäten von mehr als einem Jahrzehnt sind offensichtlich dürftig und stehen in einem eklatanten Missverhältnis zum betriebenen Aufwand, dem Einsatz sowohl von privaten Investitionen wie an öffentlichen Mitteln. Es scheint, als bliebe die Umweltschutzdebatte der einzige deutsche Exportschlager – andere generieren zukunftsweisende Lösungen, nachdem die sog. „Neuen Sozialen Bewegungen” durch ihr aggressives Marketing den Markt dafür aufnahmefähig gemacht haben. Aber zum Glück ist uns ja eines geblieben: das Dosenpfand…
Dass es auf dem Sektor Botechnologie und Gesundheit ebenso aussieht, nimmt uns nicht Wunder. Biotechnologie kann hiesige mentale Blockaden kaum überwinden; Deutschland ist nicht mehr die Apotheke der Welt – daran haben wir uns gewöhnt. Macht ja auch nichts, wir sind ja noch…
oeconomia facit saltae
Die Wirtschaft macht Sprünge, mal größere, mal kleinere. Die vielen kleinen sind es, die gerade erfolgsverwöhnten Unternehmen Probleme bereiten. Man nennt sie auch Innovationen. Wohlgemerkt: Innovationen, nicht Perfektionen. Sie kommen in der Regel nicht von etablierten Marktführern, sondern von jungen Unternehmen, die eine neue Idee verfolgen. Deren Ideengeber entstammen übrigens oft etablierten Unternehmen, in denen sie ihre innovationen Ideen nicht realisieren konnten.
Entscheidungsbedarf am Wendepunkt
Das alles ist keine bahnbrechende neue Erkenntnis, im Gegenteil. Es ist in der ökonomischen Theorie hinlänglich erforscht und die Liste der Best Practices, die man adaptieren und auf das eigene Unternehmen anpassen kann, ist mehr als ellenlang. Dass es nicht geschieht, ist bemerkenswerterweise kein öffentlicher Skandal, aber ein ökonomisches Skandalon. Bei aller kritischen Betrachtung sollten wir allerdings äußerst zurückhaltend mit dem inflationär gewordenen Gebrauch des Worts Krise werden. Denn Krise – dazu brauchen wir nicht auf die modische Dekodierung chinesischer Schriftzeichen zurückgreifen – bedeutet eigentlich „Entscheidung an einem Wendepunkt”. In der großen griechischen Tragödie ist es die Entscheidung zu Wandel oder Untergang.
Wohlgemerkt: Entscheidung zu…


