Ist es für unser Glück (oder unser Leid) wirklich so wichtig, ob die Dinge, die Welt, die Umstände und wir so sind, wie sie sind? Sind die „Verhältnisse” per se „schuld” daran, dass es uns schlecht geht – wenigstens gefühlt schlecht, also eigentlich garantiert schlechter, als es uns gehen müsste?
Die Umstände zu ändern, die Verhältnisse zu revolutionieren – das heißt, auf den Kopf zu stellen –
ist nach allen historischen Kenntnissen, über die wir verfügen können, nur in den seltensten Fällen tauglich, unser je gegenwärtiges Lebensgefühl dauerhaft positiv zu beeinflussen. Ausserdem ist das in der Regel revolutionär produzierte, reale Leid ein hoher Preis für die gefühlte Erfüllung des heroisch-revolutionären Helden, der sich eins mit den theoretischen Zielen der Geschichte weiß.
Wenn also nicht die revolutionäre Veränderung eine jederzeit geeignete Methode ist, und wenn sich die evolutionär-reformistische peu-a-peu Modifikation unserer Gesellschaft langwierig und dazu noch reichlich ergebnisoffen darstellt, was bleibt uns dann?
Nun, es bleibt uns in jedem Fall die Möglichkeit, uns zu dem, was uns drängt und drückt, eine angemessene Haltung einzunehmen und uns dementsprechend auf unsere eigene Weise je selbst zu verhalten. Solches Verhalten ist keineswegs nur eine Frage der persönlichen Einstellung. Es geht beleibe nicht darum, alles irgendwie gut zu finden, was nicht gut ist. Verhalten meint keinen rosaroten Gefühlsanstrich der Weltfassade. Think positiv-Modelle für Naiv-Optimisten führen leicht in die Prozac-gesteuerte Lebenslüge.
Verhalten heißt: Lernen, mit dem, was um uns ist und in uns ist, mit uns selbst und mit der Welt auf einigermaßen entspannte Weise umzugehen. Und heißt auch: Handelnd einzuwirken – unter der Voraussetzung, dass wir akzeptiert haben, dass das, was ist, so ist, wie es ist. Und nicht um jeden Preis aus moralischen, wirtschaftlichen, politischen, ästhetischen oder sonstigen Gründen unbedingt anders sein muss.
Die Veränderung unserer Lebenswelt in den letzten 200 Jahren ist dramatisch. Dieser immer noch andauernde Veränderungsprozess erscheint uns mittlerweile völlig überwältigend. Kaum haben wir uns an ein Stückchen Gegenwart gewöhnt, ist es schon wieder vorbei. Und vor uns scheint sich bis zum Himmel nur noch die „schwarze Wand der Zukunft” aufzurichten. Wir wissen nicht, was dahinter ist. Wir wissen nicht einmal mehr, ob überhaupt noch etwas dahinter ist.
Wirklich? Wird tatsächlich jeden Tag alles anders, ganz anders? Wartet wirklich nichts mehr auf uns als die Apokalypse? Sicher nicht.
Was uns seit langem wirklich fehlt, ist der Horizont. Die Welt scheint tatsächlich so geworden zu sein, wie es sich Generationen vor uns erträumt haben: grenzenlos. Und zusammen mit unserer Welt sind auch wir selbst grenzenlos geworden.
Alles soll uns angeblich möglich sein. Und wenn wir nicht alles erreichen, was wir oder andere von uns erwarten, sind wir selbst schuld. Wenn es uns nicht gelingt, die Schuld irgendwie auf einen andere anzuwälzen, dann sind es definitiv die offenen oder verdeckten Mängel in uns selbst, die uns notwendig scheitern lassen. Wir sind nicht schön, nicht intelligent, nicht qualifiziert, nicht stark, nicht schnell, nicht dumm, nicht dreist genug – bitte zutreffendes ankreuzen. Kurz und gut: Wir sind überhaupt nicht genug, nie. Wir sind ein Mängelwesen durch und durch, das ist unsere eigentliche Essenz, unser Wesen.
Früher einmal, im fernen 20. Jahrhundert, war „Mängelwesen” noch ein Begriff für eine Gattung. Damals hieß es „Mängelwesen Mensch”. Das galt für alle, ohne Ausnahme, schicksalhaft, unabänderlich. Heute ist wie alles andere anscheinend auch die Mangelhaftigkeit individualisiert. Selbst schuld, wenn Du so mangelhaft bist, dass Du es nicht schaffst. Tatsächlich?
Die wirkliche Herausforderung an uns als Gattung wie für jeden einzelnen ist, zu verstehen, dass die prinzipielle Verfügbarkeit von (fast) allem nicht die tatsächliche und permanente Verfügbarkeit für jeden von uns bedeutet – und niemals bedeuten kann. Es wird nie eine „Gerechtigkeit” in dem Sinne geben, dass wir alles bekommen und alles werden können, was uns je in den Sinn kommt. Und manche unter uns werden mehr, viel mehr bekommen und ganz anderes werden können, als andere – daran kann keine noch so wohlfahrtstaatliche Umverteilung etwas ändern.
Unsere Herausforderung ist zu lernen, mit einer der zentralen Errungenschaften der technisch-industriellen Revolution sinnvoll umzugehen. der ungeheuren Ausweitung unserer menschlichen Möglichkeiten. Wir haben nicht nur unsere Selbstwirksamkeit um Dimensionen gesteigert, wir haben auch unsere Freiheitsgrade bei der Lebensgestaltung immens erhöht. Nur das bedeutet eben leider nicht das einst erhoffte und vorhergesagte Paradies auf Erden. Es bedeutet nicht, dass alle unsere Wünsche jederzeit in Erfüllung gehen, wenn wir nur alles „richtig” machen. Und es bedeutet erst recht nicht, dass uns alles anstrengungslos serviert wird. Wir werden niemals zu „Stars” nur dadurch, dass wir uns das Gel der richtigen Marke in die Haare schmieren.
Nein, Vorsicht: Kulturkritik-Falle! Es ist nicht die Werbung qua böser kapitalistischer „Kulturindustrie”, die uns unschuldigen und wehrlosen Konsumenten-Opfern solchen Unsinn in die Köpfe pflanzt. Werbung und Marketing benutzen die Aussagen und Metaphern, die auf die beste Resonanz ihrer jeweiligen Zielgruppe stoßen. Sie halten uns so den Spiegel vor. Wenn uns nicht gefällt, was wir darin sehen, sollten wir das nicht dem Spiegel vorwerfen. Es bringt wenig, die Überbringer schlechter Nachrichten hinzurichten.
In der Wirtschaft erleben wir derzeit den Übergang vom Shareholder zum Stakeholder Value-Paradigma. Das ist in mancher Hinsicht gut und sinnvoll. Aber darin drückt sich auch ein sehr zweischneidiger, übergeordneter gesellschaftlicher Trend aus: der Trend zum Anspruchsteller. Wir leben in einer Phase, in der die Kultur des Anspruchs eine gesellschaftliche Tiefendimension und Breitenwirkung entwickelt hat, die in dieser Form historisch ziemlich einmalig ist. Bemerkenswert daran ist vor allem, dass die wirtschaftliche, politische und mentale Basis dieses Anspruchs, der Boom der trente glorieuses, schon längst vorbei, der Traum von der immerwährenden Prosperität schon längst ausgeträumt ist. Aber vielleicht hat sich gerade darum die Kultur des Anspruchs so entwickeln und festsetzen können. Weil wir alle spüren: Die fetten Jahre sind vorbei!, müssen wir umso lauter und rigider Ansprüche formulieren, damit wir wenigstens noch ein bisschen abbekommen vom Kuchen. So meinen wir, wir hätten auf alles, was sich als möglich überhaupt nur vorstellen läßt, einen Anspruch, einen Menschenrechtsanspruch. Einfach, weil es das gibt, was wir uns nun gerade ersehnen zu müssen meinen, und weil es uns gibt in unserer ganzen Pracht und Herrlichkeit.
Und dann bekommen wir es nicht. Oh große Not. Zum Glück passiert das statistisch gar nicht so häufig. Aber wie wir uns auch nicht merken, wenn in Südkalifornien die Sonne scheint, sondern nur, wenn es dort gerade dann regnet, wenn wir uns am Strand in der Sonne aalen wollen, merken wir uns nicht, wenn wir etwas bekommen, sondern nur, wenn wir etwas nicht kriegen, wenn es uns gar weggenommen wird. Und dann ist die Frage, wer ist schuld.
Je nach ideologischer Präferenz sind wir jetzt selbst oder sind die Umstände schuld. Das aber kann auf keinen Fall hinnehmbar sein. Wir erheben prompt einen neuen Anspruch: Wir müssen etwas ändern. Wir müssen, je nach Deutung der Situation, uns selbst oder die Umstände ändern. Dies und das kann, ja: muss verbessert, optimiert werden. In dem einen oder anderen Einzelfall ist das gut und richtig. Aber eine solche Haltung des Universalanspruchs auf alles und jede Situation anzuwenden, von meiner Teenage-Akne bis zur Rettung jeder einzelnen Wüstenspringmaus in einem entlegenen Wadi der Westsahara, ist, vorsichtig formuliert, eine unzulässige Übertreibung und eine Überdehnung unserer Möglichkeiten. Und sie unterstellt, dass wir erstens alles (besser) wissen und zweitens die Welt beliebig, vor allem widerspruchs- und leidfrei nach unseren Vorstellungen gestalten können. Man sollte selbst seinem ärgsten Feind nicht wünschen, diesem Irrtum zu verfallen.
In unserer Vorstellung von uns und der Welt haben wir alle übergeordneten Instanzen eliminiert: Götter, Schicksal, Fatum, Nornen – alles Unsinn, Opium des oder sogar fürs Volk, irrationales Gerede. Unter dem entgötterten Himmel müssen wir nun selbst allmächtig sein. Wohlgemerkt: Wir wollen es nicht, wie ein unreifes Kind, sondern wir müssen, denn über uns ist nichts und niemand mehr. Pech gehabt.
Die Eingangsfrage, wie wir uns anders verhalten können zu uns und zur Welt, nämlich so, dass wir uns ein kleines bisschen gelassener und wohler in unserem Leben fühlen können, auch wenn nicht alles perfekt ist, stellt sich hier noch einmal neu. Sie heißt jetzt: Wie können wir unter diesen Bedingungen – ohne die Götter, die uns ehedem für unsere Hybris straften – ein kleines bisschen Demut für uns in Anspruch nehmen? Sicher, damit sind keineswegs alle Probleme gelöst, nicht alle Zumutungen an unsere Existenz als „moderne Menschen” aufgehoben. Aber es wäre doch einfach mal angenehm sagen zu können: Nein, das kann ich nicht. Und ich will es auch nicht können müssen.
